Chemotherapie
Krebszellen unterscheiden sich von normalen Körperzellen durch die Tatsache, dass sie sich viel schneller teilen. Die Chemotherapie wirkt gezielt auf sich schnell teilende Zellen und nutzt somit diesen Unterschied. Chemische Substanzen, wie zum Beispiel die der Zytostatika-Gruppe (Zellgifte) stoppen die Teilung der Tumorzellen.
Die Chemotherapie wird derzeit als bevorzugte Standardtherapie zur Behandlung des hormonunempfindlichen Prostatakrebses, der bereits Metastasen gebildet hat, eingesetzt. Der Krebs, dessen Fortschreiten in diesem Stadium hormonun-abhängig ist, erfordert eine Behandlung, die darauf abzielt, das Fortschreiten der Krankheit und das Auftreten neuer Metastasen zu verhindern.
Erreicht die Krankheit das Metastasenstadium, ist eine Behandlung, also in erster Linie die Chemotherapie nicht mehr als kurative (heilende) Behandlung, sondern als palliative (lindernde) Behandlung zu betrachten und wird mit dem Ziel eingesetzt, dem Patienten eine bestmögliche Lebensqualität zu bieten (wie zum Beispiel Linderung der durch die Knochenmetastasen verursachten Schmerzen, Verbesserung des allgemeinen Befindens) und sein Leben so lange wie möglich zu erhalten.
Die Behandlung mit einem Zytostatikum erfolgt entweder allein oder in Verbindung mit anderen Medikamenten. Standardmässig wird beim hormonresistenten Prostatakrebs, der bereits Metastasen gebildet hat, alle drei Wochen ein Zytostatikum in Kombination mit einem Kortisonpräparat verabreicht. Im Vergleich zum Wochenschema (wöchentliche Einnahme eines Zytostatikums in Verbindung mit einem Kortisonpräparat) ermöglicht dieses Therapieschema eine längere Lebenserwartung. Dennoch kann bei schwächeren Patienten eine wöchentliche Behandlung in Betracht gezogen werden. Hinsichtlich Symptomkontrolle (Abschwächung der Knochenschmerzen, weniger Appetitlosigkeit und Reduktion des Gewichtsverlustes) werden mit dem Wochenschema die gleichen Ergebnisse wie mit dem vorher beschriebenen Schema erzielt und eine bessere Wirksamkeit als mit einem „best supportive care“ (bestmögliche Behandlung) gewährleistet.
Schmerzbehandlung
Bei manchen Patienten mit hormonunempfindlichem Prostatakarzinom verursachen die Metastasen Schmerzen. Die neuesten Empfehlungen der Europäischen Gesellschaft für Urologie (EAU) befürworten eine sofortige Chemotherapie bei Patienten, die an einem metastasierten und hormonresistenten Prostatakrebs erkrankt sind bzw. sobald die ersten Schmerzen auftreten.
Die Strahlentherapie kann ebenfalls als schmerzstillende Behandlung eingesetzt werden und bei bis zu Dreiviertel aller Patienten eine Linderung bewirken. Allerdings sollte von einer Anwendung abgesehen werden, wenn die Metastasen stark verbreitet sind.
Die Behandlung mit Bisphosphonaten stellt eine weitere Behandlungsoption dar. Bisphosphonate sind Stoffe, die eine Schutzschicht über den Knochen bilden und den Knochenabbau verhindern. Kortisone und Opiate werden ebenfalls erfolgreich eingesetzt.
Behandlung von symptomfreien Patienten
Auch vor dem Auftreten der ersten Schmerzen kann bei Patienten mit metastasiertem und hormonresistentem Prostatakrebs eine Chemotherapie in Betracht gezogen werden, wenn der Verdacht auf eine rasche Krankheits-progression besteht (also die Gefahr, dass Schmerzen oder neue Metastasen in naher Zukunft auftreten können).
Es wurden mehrere Risikofaktoren nachgewiesen, die eine schnelle und tödliche Progression des hormonresistenten metastasierten Prostatakarzinoms ankündigen können:
- Die Höhe des PSA-Wertes: Ein übermässig erhöhter PSA-Blutspiegel (über 114 ng/ml; Normalwert < 4 ng/ml).
- Die PSA-Verdopplungszeit (PSADT) beträgt weniger als 55 Tage. Der PSADT-Wert wird üblicherweise von Ihrem Urologen anhand der letzten Blutwerte berechnet.
- Das Vorhandensein viszeraler (in den Eingeweiden liegenden) Metastasen.
Verlängerung der Lebenserwartung
Bei Patienten, die an einem hormonresistenten metastasierten Prostatakrebs (HRPC) leiden, verlängert eine Chemotherapie nachweislich die Lebenserwartung.
Chemotherapie im Alter
Patienten über 75 können denselben Nutzen aus einer Kombinationstherapie ziehen wie jüngere Patienten: Das Alter ist daher kein Ausschlusskriterium für eine Chemotherapie.
Chemotherapie vor oder nach der Tumorablation
Bei anderen Krebsformen wird die Chemotherapie in früheren Behandlungsstadien angewandt als es derzeit bei Prostatakrebs der Fall ist. Eine Chemotherapie kann beispielsweise eingesetzt werden, um die Tumorgrösse zu verringern, und erst im Anschluss daran wird der Krebs mittels Operation entfernt. Die nach dem Eingriff im Körper verbliebenen Krebszellen werden dadurch abgetötet. Klinische Studien untersuchen den Nutzen solcher Behandlungsformen derzeit auch bei Prostatakrebs mit viel versprechenden ersten Ergebnissen. Fragen, die Sie Ihrem Arzt vor der Chemotherapie eventuell stellen möchten:
- Warum benötige ich diese Behandlung?
- Welche Medikamente werden mir verabreicht?
- Wie wirken diese Medikamente?
- Wo und wie werde ich diese Medikamente erhalten?
- Welche Vorteile kann man von dieser Behandlung erwarten?
- Welche Risiken und Nebenwirkungen gibt es? Was kann man dagegen unternehmen?
- Wann wird die Behandlung beginnen, wann wird sie enden?
- In welchem Masse wird sich die Behandlung auf meine normalen Aktivitäten auswirken?